Unruhe
Erregung und Bewegungsdrang können viele Gründe haben. Die gesteigerte Aktivität eines Menschen mit Demenz kann für Angehörige und Pflegepersonal anstrengend sein. Doch es gibt Möglichkeiten, den damit verbundenen Stress zu lindern.
Von Martin Mühlegg und Zeitenspiegel Reportagen
Aktualisiert am 23. März 2026
FAQ 1: Warum sind Menschen mit Demenz oft unruhig?
Unruhe kann viele Ursachen haben: innere Anspannung, Orientierungslosigkeit, Bewegungsdrang oder auch Schmerzen. Betroffene laufen häufig rastlos umher oder wirken nervös. Oft versuchen sie dabei, ein vermeintliches Ziel zu erreichen, etwa zur Arbeit zu gehen.
FAQ 2: Wie kann man Unruhe bei Menschen mit Demenz lindern?
Hilfreich sind feste Tagesstrukturen, Bewegung, kleine Aufgaben und eine ruhige Umgebung. Auch ausreichend Schlaf, Essen, Trinken und liebevolle Zuwendung können beruhigen. Musik, Spaziergänge oder vertraute Rituale helfen vielen Betroffenen ebenfalls.
FAQ 3: Wann kommen Medikamente gegen Unruhe zum Einsatz?
Wenn starke Unruhe zu Leid oder Gefahr führt, können Ärztinnen und Ärzte Medikamente verordnen. Dazu gehören etwa Antidepressiva oder Beruhigungsmittel. Sie sollten jedoch nur gezielt und möglichst kurzzeitig eingesetzt werden.
Unter Agitation (auch: Agitiertheit) versteht man einen Zustand der innerlichen Erregung, der sich durch einen unstillbaren Bewegungsdrang äußert. Agitierte Menschen laufen meist rastlos auf und ab und wollen nicht stillsitzen. Zudem zeigen sie oft unkontrollierte, ziellose Bewegungsabläufe wie Herumzappeln, ständiges Zupfen an der eigenen Kleidung oder beiläufiges Hantieren mit Gegenständen. Auch Zittern kann eine Form der Agitiertheit sein. In der Psychologie werden diese Verhaltensweisen unter dem Begriff «gesteigerte Psychomotorik» zusammengefasst.
Agitationszustände können als Anzeichen verschiedener Erkrankungen auftreten oder als Nebenwirkung bestimmter Medikamente wie auch Drogen(entzug) auftreten. Eine der Krankheiten, zu denen Agitiertheit gehört, ist die Demenz. Die Betroffenen selbst empfinden bei einem Agitationszustand in der Regel eine starke innere Anspannung und Unruhe.
Weglauftendenz ist eigentlich eine Hinlauftendenz
Im Gegensatz zu Menschen, die generell nervös veranlagt sind oder sich in einer Stresssituation angespannt fühlen, sind agitierte Personen jedoch nicht in der Lage, den Bewegungsdrang zu unterdrücken. Bei einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung tritt Agitiertheit häufiger auf. Die zumeist älteren Patienten entwickeln eine große Unruhe und einen Bewegungsdrang. Sie laufen etwa stundenlang in der Wohnung auf und ab, auch nachts. Weil sie glauben, etwas erledigen zu müssen, verlassen Betroffene immer wieder unbemerkt ihr Bett, ihr Zimmer oder ihre Wohnung.
Manche Experten sprechen hier nicht von einer Weglauftendenz, sondern von einer Hinlauftendenz. Denn die Demenzkranken verfolgen mit ihrer Unruhe ein vermeintliches Ziel. Sie wollen etwa zur Arbeit gehen oder die Kinder von der Schule abholen. Aufgrund ihrer Orientierungslosigkeit finden sie sich meist im Straßenverkehr nicht zurecht und verlaufen sich. Für die Angehörigen bedeutet das eine ständige Sorge und Belastung.
Weil nicht nur die räumliche, sondern auch die zeitliche Orientierung fehlt, verlangen die Betroffenen nachts ihr Frühstück und wollen tagsüber ins Bett gehen. Auf Hinweise oder Einmischung reagieren sie mitunter gereizt oder aggressiv, was sich durch Schreien, wildes Gestikulieren oder Wegdrängen von anderen Menschen bemerkbar machen kann. Für Angehörige und Pflegepersonal ist all dies eine große Herausforderung. Frust, Leidensdruck und Erschöpfung gehen damit Hand in Hand.
Schmerzen können Unruhe auslösen
Auch Schmerzen können Agitiertheit auslösen. In diesem Fall sind Betroffene nicht in der Lage, sich aufgrund ihrer Erkrankung anders zu äußern, dass ihnen etwas wehtut. Es ist daher sinnvoll, zunächst immer zu prüfen, ob Schmerzen als Ursachen für das Auftreten der Agitiertheit infrage kommen können. In diesen Fällen hilft den Patienten eine Schmerztherapie gegen die Agitiertheit.
9 Tipps zur Linderung der Unruhe von Menschen mit Demenz
- Grundbedürfnisse erfüllen: essen, trinken, schlafen, regelmäßige Toilettengänge – auch liebevolle Zuwendung gehört dazu
- Schmerzen erkennen und behandeln
- Körperliche Aktivitäten anbieten: Spaziergänge, Tanzen, Gymnastik usw.
- Sich darüber Gedanken machen, in welchem Rahmen der Betroffene seinen Bewegungsdrang selbstständig ausleben kann, ohne dass er sich selbst gefährdet oder andere stört
- Tagesablauf mit Ritualen gestalten
- Erledigung kleiner Aufgaben ermöglichen und dafür danken
- Aromatherapie: Lavendel, Bergamotte, Kamille, Vanille und andere ätherische Öle wirken beruhigend – entweder als Raumduft verwenden oder dem Betroffenen ein duftendes Tüchlein einstecken
- Beruhigende Musik laufen lassen
- Beobachten Sie den Betroffenen und finden Sie heraus, in welchen Situationen und unter welchen Umständen er sich entspannt. Probieren Sie etwas aus!
(Quelle: Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg und www.demenzjournal.com)
Beispiel: gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus
Hier haben Spaziergänge an der frischen Luft, kleine Hausarbeiten und Spiele einen positiven Einfluss auf die Agitiertheit. Auch die Schlafatmosphäre lässt sich so anpassen, dass Menschen mit Demenz mehr Ruhe finden – sei es mit Wärme, mit einer angepassten Matratze, mit Inkontinenzmaterial oder mit Nesteldecken, damit das Bedürfnis nach Berührung gestillt ist.
Gegen Unruhe können auch Medikamente wirken
Der Umgang mit Agitiertheit hat auch eine ethische Dimension, denn daran gekoppelt ist die Frage: Wie groß ist die gesellschaftliche Akzeptanz bei Demenz? Oftmals werden Betroffene mit Medikamenten sediert, damit sie nicht mehr stören. Sinnvoller wäre es, nach den wirklichen Ursachen zu suchen und den Bewegungsdrang zu unterstützen. Denn letztlich ist jeder Fall einzigartig und die Lösungsmöglichkeiten sind zahlreich.
Wenn der Bewegungsdrang für den Patienten leidvoll oder mit Gefahren verbunden ist, schlagen Ärzte mitunter eine medikamentöse Therapie vor. Zur Verfügung stehen dabei grundsätzlich Antidementiva, Antidepressiva, Antiepileptika, Sedativa (Beruhigungsmittel) oder Hypnotika (Schlafmittel). Gegebenenfalls können auch pflanzliche Pharmaka eingesetzt werden. Bei manchen Patienten reicht eine einmalige oder kurzzeitige Gabe eines oder mehrerer akut wirksamer Medikamente zur Beruhigung. Andere werden für einige Wochen therapiert.
Benzodiazepine sollten in der Regel nach circa vier bis sechs Wochen abgesetzt werden, da sonst das Risiko der Abhängigkeit besteht. Bei Antipsychotika und Antidepressiva besteht dagegen keine Suchtgefahr. Allerdings tritt bei einer medikamentösen Behandlung oft Schläfrigkeit als unerwünschte Nebenwirkung auf. Diese erhöht die Gefahr von Stürzen und vermindert eine aktive Teilhabe.
Links und Literatur zu Unruhe bei Demenz
➔ mehr Tipps, um die nächtliche Unruhe aufzulösen
➔ zum Dossier «Bewegen! Eine Ressource ist kein Problem» auf alzheimer.ch
»Lange fühlte ich mich mit der Erkrankung meiner Mama allein. Auf den Demenz Meets erlebte ich ein besonderes Gemeinschaftsgefühl. Diese Treffen sind für mich wichtig, weil ich dadurch erlebe, dass ich nicht allein bin.«
Peggy Elfmann, Angehörige und Autorin
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