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Sedierung

Beruhigungsmittel sind ein verbreitete Methode, um unruhige oder aggressive Menschen mit Demenz zu sedieren. Doch mit den Nebenwirkungen ist nicht zu spaßen. Ein Blick auf die Praxis des Ruhigstellens – und welche Alternativen möglich sind.

Von Martin Mühlegg und Zeitenspiegel Reportagen

Aktualisiert am 21. April 2026


FAQ 1: Ab wann wird eine Sedierung bei Demenz in Erwägung gezogen?
Eine Sedierung kommt erst infrage, wenn starke Unruhe, Aggression, Angst oder Selbstgefährdung bestehen und andere Maßnahmen nicht helfen. Fachleute warnen jedoch: Beruhigungsmittel dürfen nicht die erste Wahl sein, sondern nur gezielt und gut geprüft eingesetzt werden.

FAQ 2: Welche Risiken haben Beruhigungsmittel bei Demenz?

Sedativa können Müdigkeit, Stürze, Muskelschwäche, Sprachprobleme, Verwirrung und mehr Abhängigkeit auslösen. Manche Mittel erhöhen sogar Sterblichkeit oder Lungenentzündungen. Deshalb braucht es strenge Kontrolle und regelmäßige Überprüfung.

FAQ 3: Welche Alternativen gibt es zur Sedierung?

Zuerst sollten Ursachen gesucht werden: Schmerzen, Angst, Reizüberflutung oder Schlafprobleme. Helfen können Struktur, Bewegung, gute Schlafumgebung, Validation, Beschäftigung und menschliche Zuwendung. Medikamente bleiben das letzte Mittel.


Der Begriff Sedierung stammt vom lateinischen «sedare», was auf deutsch «sinken lassen, beruhigen». Er bezeichnet in der Medizin die Dämpfung von Funktionen des zentralen Nervensystems mit Hilfe eines Beruhigungsmittels. Die Pharmakologie nennt ein solches Mittel «Sedativum», im Plural «Sedativa». Diese Arzneimittel mit sedierender Wirkung sind eine Untergruppe der Psychopharmaka.

Sedierung mit Hilfe von Arzneimitteln ist eine Form der Ruhigstellung. Bei Menschen mit Demenz werden Sedativa aufgrund der besonderen Symptome verordnet, die mit der Krankheit einhergehen. Viele Betroffene fallen im Verlauf der Erkrankung durch gravierende Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen auf. Aus Überforderung oder als Folge von nicht behandelten Schmerzen können sie aggressiv werden, beschimpfen Pflegende oder wehren sich körperlich gegen Hilfestellungen. 

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Manche misstrauen Familie, Freunden oder Pflegenden, sie bestehlen zu wollen. Andere laufen nachts unruhig umher, weil sie nicht wissen, ob Tag oder Nacht ist oder sie sich bedroht fühlen. Andere können enthemmt, sexuell aufdringlich oder apathisch werden. Das alles zu erleben, ist eine große Herausforderung für Angehörige und Pflegende. 

➔ Info zu Diagnostik und Therapie

Obwohl die medizinischen Leitlinien dies nicht als erste Wahl vorsehen, greifen manche Ärzte und Pfleger zu Sedativa, um die Patienten ruhigzustellen. Allerdings haben diese Medikamente teils erhebliche Nebenwirkungen. 

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Sedativa können die Auffassungsgabe, die Konzentration sowie das Sprachverständnis und das Ausdrucksvermögen Demenzkranker beeinträchtigen und außerdem Muskelsteifigkeit, Muskelschwäche, Antriebslosigkeit und Schläfrigkeit auslösen. Damit ist nicht selten auch ein erhöhtes Sturzrisiko verbunden. Oft zeigen diese Medikamente auch gar keine oder eine gegenteilige Wirkung bei Menschen mit Demenz. 

Wann wird Neuroleptika bei Demenz verabreicht?

Über 40 Prozent aller Heimbewohner, die an Demenz leiden, erhalten dauerhaft Neuroleptika. Diese antipsychotisch wirkenden Arzneimittel sind eine Untergruppe der Sedativa. Sie wirken gegen Erregungszustände, Wahnideen, Halluzinationen, Denkzerfahrenheit und weitere Störungen des Erlebens oder Verhaltens. 

Ziel der Neuroleptika-Gabe ist es, Symptome wie Aggressivität, Reizbarkeit und Unruhe zu lindern. Allerdings überwiegt der Schaden bei zwei häufig eingesetzten Neuroleptika den Nutzen, wie ein Studien-Check der Stiftung Gesundheitswissen (SGW) zeigte. Demnach erlebten Patienten, die mit den Neuroleptika Haloperidol und Risperidon behandelt wurden, mehr Nebenwirkungen, als diejenigen, denen ein Scheinmedikament verabreicht wurde. Dabei handelte es sich um vermehrte Muskelanspannungen, Gang- und Sprachstörungen sowie Händezittern. 

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Die Symptome ähneln denen von Patienten, die unter der Parkinson-Krankheit leiden. Fünf Studien registrierten mehr Todesfälle in der Risperidon-Gruppe. «Angesichts dieser Ergebnisse sollte der weit verbreitete, dauerhafte Einsatz von Neuroleptika bei Menschen mit Demenz hinterfragt werden,» fordert Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheitswissen.

➔ Hier geht’s zum ausführlichen Bericht der Stiftung Gesundheitswissen 

Wann wird Benzodiazepine bei Demenz verabreicht? Benzodiazepine

Beruhigungsmittel  – Benzodiazepine – sind häufig angewandte Sedativa bei Menschen mit Demenz, die aufgrund von Schlafstörungen nachts herumwandern und auch zur Aggressivität neigen. Neben den bekannten Risiken einer solchen Medikation – erhöhte Sturzgefahr, Abhängigkeit – erhöht sich allerdings auch das Risiko einer Pneumonie, einer Lungenentzündung. 

➔ Das zeigte eine finnische Studie mit 5232 Patienten

Die Einnahme von Benzodiazepinen geht zudem mit einer um rund 40 Prozent erhöhten Sterblichkeit einher, berichten finnische Forscher in der Fachzeitschrift International Journal of Geriatric Psychiatry. Dort heißt es: «Unsere Befunde bestätigen die Behandlungsrichtlinien, denen zufolge nichtmedikamentöse Maßnahmen die erste Therapieoption sein sollten».

➔ Mehr zu dem Bericht der Forscher aus Finnland

Sedierung als einfachster Weg?

Laut Aussagen von Experten werden Demenzkranke nicht selten fehlerhaft behandelt, indem sie vorrangig sediert werden. Diesbezüglich veröffentlichte die Techniker Krankenkasse im Jahr 2018 einen Report, in dem von einer «flächendeckenden Fehlversorgung» die Rede ist. Nur rund 14 Prozent der TK-Versicherten erhielten demnach ein Anti-Dementivum zur Behandlung ihrer Demenz. Bei neun Prozent aller Versicherten wurden Antidementiva in Kombination mit einem zusätzlichen Beruhigungsmittel angewendet. 

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Bei 26 Prozent, also jedem vierten Patienten, wurde ausschließlich mit einem Sedativum therapiert. Gerd Glaeske, Bremer Gesundheitswissenschaftler und Herausgeber des TK-Reports, sagte dazu, es zwinge sich die Vermutung auf, dass Menschen mit Demenzerkrankungen außchliesslich ruhig gestellt werden sollen, anstatt sie einer effektiven Behandlung zu unterziehen.

Der Deutsche Ethikrat sieht das Ruhigstellen mit Medikamenten als «Ultima Ratio» und spricht in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2018 von «wohltätigem Zwang», zu dem Angehörige und Pflegekräfte Alternativen suchen sollten. «Wegen der Gefahr persönlichkeitsverändernder Effekte von Psychopharmaka sind an die Diagnose, Indikationsstellung und Dosierung besonders strenge Sorgfaltskriterien anzulegen.

Auch die Notwendigkeit der Fortsetzung der Medikation ist regelmäßig fachärztlich zu überprüfen. Pflegeanbieter sollten alle Formen von Zwang einschließlich der Gabe ruhigstellender Medikamente dokumentieren und Maßnahmen zu ihrer Verringerung implementieren.»  

➔ zur Stellungnahme des Ethikrats

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Welche Alternativen gibt es zu den Sedativa? Am besten sei es, zunächst alle nichtmedikamentösen Maßnahmen auszuschöpfen, sagt Reto Kressig von der Schweizerischen Gesellschaft für Geriatrie. Statt der Einnahme von Abführmitteln also mehr Ballaststoffe essen, viel trinken und sich bewegen, bei Schlafstörungen für gute Schlafumgebung sorgen und bei Bluthochdruck abnehmen und Sport treiben. 

«Sind Medikamente erforderlich, überlegen wir immer individuell, ob wirklich eines der potenziell inadäquaten Medikamente notwendig ist», sagt Kressig. Oft gebe es andere Möglichkeiten. Der Arzt solle sich genau überlegen, ob ein Medikament wirklich gegen die entsprechende Krankheit hilft, er solle möglichst wenig verschiedene Präparate verschreiben und immer darauf achten, ob sie untereinander in Wechselwirkung treten könnten.

➔ Thomas Klie, Recht auf Demenz – Ein Plädoyer, Hirzel, 2021

➔ Michael Schmieder, Uschi Entenmann; Dement, aber nicht bescheuert – Für einen neuen Umgang mit Demenzkranken, Ullstein, 2015

➔ Christoph Held, Was ist «gute» Demenzpflege?, Hogrefe, 2018

»Nach der Diagnose waren wir verzweifelt und fühlten uns allein. Das Demenz Meet war für uns der Türöffner für ein gutes Leben mit Demenz. Heute sagt mein Mann Beni: Es ist egal, wenn vieles nicht mehr geht. Dann mache ich halt die Sachen, die ich kann!«

Rolf Könemann, Angehöriger und Buchautor

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