Lebensraum
Menschen mit Demenz sollen sich im Alltag sicher und selbstständig bewegen können. Die Anpassung der Umgebung verbessert ihre Lebensqualität.
Von Martin Mühlegg und Zeitenspiegel Reportagen
Aktualisiert am 7. Mai 2026
FAQ 1: Wie kann die Wohnung für Menschen mit Demenz sicherer gestaltet werden?
Klare Strukturen, gute Beleuchtung und wenige Hindernisse helfen Menschen mit Demenz bei der Orientierung. Bewegungsmelder, Haltegriffe, Kontraste und offene Türen erhöhen Sicherheit und Selbstständigkeit im Alltag.
FAQ 2: Warum ist ein vertrauter Lebensraum bei Demenz so wichtig?
Menschen mit Demenz fühlen sich in vertrauter Umgebung sicherer. Bekannte Gegenstände, ruhige Räume und feste Orientierungspunkte reduzieren Ängste, fördern Selbstständigkeit und verbessern die Lebensqualität.
FAQ 3: Was macht einen demenzfreundlichen Lebensraum aus?
Demenzfreundliche Lebensräume bieten Orientierung, Sicherheit und soziale Teilhabe. Dazu gehören barrierefreie Wege, Sitzgelegenheiten, gute Beleuchtung sowie verständnisvolle Menschen im Quartier, Spital oder Pflegeheim.
In einem übersichtlichen Zuhause mit klaren Orientierungspunkten können sich Menschen mit Demenz besser zurechtfinden. Mit wenigen Mitteln ist es möglich, die Wohnung an die Bedürfnisse der Betroffenen anzupassen und Gefahrenquellen zu beseitigen.
So verbessern Sie die Wohnsituation
- Entfernen Sie unnötige Möbel und Hindernisse.
- Kennzeichnen Sie die Türen mit persönlichen Gegenständen und Symbolbildern. Zimmertüren lassen Sie am besten offen – oder Sie können sie entfernen.
- Bei der Orientierung in der Nacht helfen Bewegungsmelder und Leuchtstecker.
- Reduzieren die Anzahl der Gegenstände und schaffen Sie trotzdem eine behagliche Atmosphäre.
- Unterstützen Sie die zeitliche Orientierung mit einem grossen Kalender und einer Digitaluhr mit großen Ziffern und ausgeschriebenem Wochentag.
- Bei allein lebenden Menschen mit Demenz ist ein gut sichtbares Notizbuch hilfreich, in dem alle ihre Einträge machen können.
- Schaffen Sie eine ruhige Atmosphäre, reduzieren Sie den Lärm von TV und Radio.
- Ältere Menschen brauchen viel Licht. Vermeiden Sie aber grelles Licht und Schattenwurf.
- Wichtige Gegenstände mit Kontrast von der Umgebung absetzen (zum Beispiel WC-Brille, Zahnglas, Schlüsselanhänger).
- Muster und Ornamente auf Tapeten oder Tischtüchern, spiegelnde Flächen etc. verwirren Menschen mit Demenz.
- Große Fensterflächen sollten Sie mit Klebern oder Vorhängen sichern, damit der Betroffene nicht hineinläuft.
- Beseitigen Sie Stolperfallen.
- Haltegriffe im Bad oder beim WC erhöhen die Sicherheit.
- Leuchten Sie Treppen gut aus. Bringen Sie auf jeder Stufe/Kante einen Signalstreifen an. Beidseitig verlaufende Handläufe sichern.
- Überlegen Sie sich früh, ob ein Wechsel der Zimmer oder der Etage Sinn macht.
- Platzieren Sie gefährliche Gegenstände (Medikamente, Putzmittel, Pflanzenschutzmittel etc.) außer Reichweite.
- Informieren Sie sich über Elektrogeräte mit Sicherheitsmechanismen.
- Vorsicht beim Rauchen und mit brennenden Kerzen.
- Sorgen Sie dafür, dass geschlossene Räume von außen aufgeschlossen werden können.
- Hinterlassen Sie bei allein lebenden Menschen mit Demenz beim Nachbarn einen Zweitschlüssel.
Alltagshilfen im Umfeld
Auch das gewohnte Lebensumfeld außerhalb ihrer Wohnung kann für Menschen mit Demenz so gestaltet werden, dass sie Orientierung, Bewegungsfreiheit, Schutz und Wertschätzung erhalten. In vielen Städten und Gemeinden sorgen lokale Unterstützungsstrukturen dafür, dass Betroffene ihren Alltag weiterleben und am Sozialleben teilhaben können.
Dazu gehören barrierefreie Straßenübergänge sowie genügend Sitzbänke und Handläufe ebenso wie Informationsstellen, Nachbarschaftshilfe und Spaziergruppen. Auch die Beschäftigten von Supermärkten, Sparkassen oder Polizei können den angemessenen Umgang mit demenziell Erkrankten in speziellen Trainings erlernen.
Im Rahmen ihrer Initiative «altersfreundliche Städte» hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein globales Netzwerk aufgebaut, das mit dem Austausch von Ideen, Fragen und Praxisbeispielen hilft, das direkte Wohnumfeld von älteren Bürgern und auch von Menschen mit Demenz bestmöglich zu gestalten. Um in das Netzwerk aufgenommen zu werden, müssen Städte darlegen, dass sie angemessene Maßnahmen treffen, um den Lebensraum in ihren Städten altersfreundlich zu gestalten. Im deutschsprachigen Raum schließen sich immer mehr Städte diesem Netzwerk an.
➔ Hier geht es zu einem Bericht über eine demenzfreundliche Gemeinde in der Schweiz
Auch das Schweizerische Förderprogramm Socius der Age-Stiftung will ältere Menschen dabei unterstützen, länger zuhause leben zu können. Die Teilnehmenden haben unter anderem Anlauf- und Informationsstellen eingerichtet, Nachbarschaftshilfe organisiert und Wohnassistenzen etabliert.
➔ Hier geht es zu einem Interview mit der Programmleiterin von Socius
Demenzfreundliche Spitäler
Für viele demenziell erkrankte Menschen gleicht der Klinikaufenthalt einer Krisensituation, ihr Allgemeinzustand verschlechtert sich dadurch oft dramatisch, und nach der Entlassung sind sie gesundheitlich in schlechterer Verfassung als bei ihrer Aufnahme. Verschiedene Maßnahmen können dazu beitragen, die Situation von Menschen mit Demenz im Lebensumfeld Krankenhaus zu verbessern.
Entscheidend für das Wohlergehen der Patienten mit Demenz ist, dass Ärzte und Pflegende genügend Zeit für den einfühlenden und menschlichen Umgang mit den Demenzpatienten bleibt. Es ist aber auch ein Zeichen der Wertschätzung, wenn Krankenhäuser ihre Architektur, Möblierung und Routinen an die Bedürfnisse der Betroffenen anpassen. Auch hier ist es wichtig, dass sich die Erkrankten gut orientieren und sicher bewegen können. Zum Beispiel können die Türen jedes Patientenzimmers in einer anderen Farbe gestrichen werden.
Auch die Wände sollten nicht eintönig weiß sein, sondern mit hellen, freundlichen Farben gestaltet werden. Damit sich Menschen mit Demenz sicher im Spital bewegen, sollten die Wege zu den Gemeinschaftsräumen gerade und kurz sein. Wichtig für das Wohlbefinden und die geistige Anregung der Patienten sind auch große Fenster mit Blick nach draußen.
Genügend Platz für das gemeinsame Essen der Patienten und am besten auch des Personals kann Menschen mit Demenz dazu anregen, genug zu essen. Für die Pflege ist es zwar aufwändig, Patienten zu den Mahlzeiten in den Gemeinschaftsraum zu bringen, aber Menschen mit Demenz profitieren sehr davon.
Lebensumfeld Pflegeheim
Auch Pflegeeinrichtungen können architektonisch so gestaltet werden, dass sie Menschen mit Demenz in ihren Alltagsaktivitäten unterstützen und ihr Wohlergehen fördern. Zu den wichtigsten Handlungen, die sie noch lange selbstständig und aus eigenem Antrieb tun können, gehört die Fortbewegung. Sicherheit und Orientierung dafür bieten hindernisfreie Flure und Wege, die wie ein Rundweg angelegt sind.
Rampen statt Treppen ermöglichen es den Bewohnern, gefahrlos von einem Stockwerk ins andere zu gehen. Wichtig sind auch Freiräume für Begegnungen von Betreuern und Patienten, ebenso wie private Nischen, in denen sich die Erkrankten zurückziehen können, ohne alleine gelassen zu werden.
Fußböden und Möbel aus Holz strahlen auch für Menschen mit Demenz Wärme aus. Und Handläufe aus Holz sind zu empfehlen, weil Betroffene gern mit ihren Händen darüber streichen und sie beim Gehen als Orientierung nutzen. Auch die richtige Beleuchtung beugt der Sturzgefahr vor, ebenso Ängsten oder Depressionen. Viel Licht bedeutet eine höhere Lebensqualität, und das Tageslicht ist die beste und billigste Lichtquelle. Es hilft demenziell Erkrankten auch, sich im Tagesverlauf besser zu orientieren und einen natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus aufrecht zu halten.
Bei der Farbgestaltung, der Raumakustik und der Stimulation durch Bilder oder Düfte ist Reizüberflutung ebenso zu vermeiden wie Reizarmut. Räume, die mit allen Sinnen erfahren werden können, fördern bei vielen Betroffenen das Wohlbefinden und die Lebensqualität. Generell aber sind die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz so vielfältig, dass es für die architektonische Gestaltung ihres Lebensumfelds keine Patentrezepte gibt. Gute Architektur zeichnet sich dadurch aus, dass sie menschliche Lebensräume schafft – für Menschen mit oder ohne Demenz.
Links und Literatur zu Lebensräumen bei Demenz
➔ Hier gibt es Informationen und einen Leitfaden zur Wohnungsanpassung von Alzheimer Schweiz
➔ Eckhard Feddersen, Insa Lüdtke, Raumverloren – Architektur und Demenz, Birkhäuser, 2014
➔ Christine Naumann, Wohnumfeldverbesserungen für Menschen mit Demenz, Springer, 2019
»Die Peer-to-Peer-Videos der demenzworld sind äußerst wertvoll. Ich verwende sie in meinem Demenz-Modul, da sie die Perspektive von Menschen mit Demenz veranschaulichen und ein differenzierteres Bild vermitteln.«
Prof. Dr. Anne Roll, Hochschule Bochum
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