Weglaufen und Hinlaufen bei Demenz und Alzheimer
Das Gehen hilft Menschen mit Demenz, aktiv zu bleiben und Konflikte zu bewältigen. Damit das rastlose Herumwandern nicht zur Belastung wird, braucht es Verständnis und ein geeignetes Umfeld.
Von Martin Mühlegg und Zeitenspiegel Reportagen
Aktualisiert am 7. Juli 2026
FAQ 1: Warum laufen Menschen mit Demenz manchmal weg?
Viele Menschen mit Demenz verspüren einen starken Bewegungsdrang. Sie gehen los, weil sie eine Aufgabe erledigen wollen – etwa einkaufen oder zur Arbeit gehen. Das Gehen hilft ihnen, Spannungen abzubauen und ein Gefühl von Selbstständigkeit zu behalten.
FAQ 2: Welche Risiken gibt es beim Weglaufen?
Menschen mit Demenz können die Orientierung verlieren und nicht mehr nach Hause finden. Auch der Straßenverkehr, Dunkelheit oder unebenes Gelände können gefährlich werden. Deshalb ist es wichtig, aufmerksam zu bleiben und rechtzeitig Hilfe zu holen.
FAQ 3: Wie kann man Menschen mit Demenz beim Gehen schützen?
Hilfreich sind sichere Bewegungsräume, Begleitung bei Spaziergängen und gut sichtbare Kontaktdaten. Auch Nachbarn können informiert werden. Technische Hilfen wie GPS-Uhren oder Türsensoren unterstützen Angehörige zusätzlich.
Warum das Gehen eine wichtige Ressource ist
Als Weglauftendenz wird der Drang von Menschen mit Demenz bezeichnet, herumzuwandern und ihr Zuhause zu verlassen. Inzwischen benutzt man in Fachkreisen dafür auch den Begriff Hinlauftendenz, weil sich die Betroffenen meistens mit einem Ziel auf den Weg machen. Grundsätzlich ist Bewegung für Menschen mit Demenz beruhigend und gut. Das Laufen vermittelt ihnen eine Entscheidungsfreiheit, die das Selbstwertgefühl stärken und sich positiv auf ihre Stimmung auswirken kann.
Für viele Menschen mit Demenz ist das Gehen eine der letzten Ressourcen, die ihnen geblieben ist. Sie leben damit ihren Bewegungsdrang aus und bauen Spannungen ab. Das Gehen kann auch eine Reaktion sein auf eine unangenehme Situation, zum Beispiel auf Schmerzen, Reizüberflutung oder Überforderung.
Manche Menschen mit Demenz gehen weg, weil sie eine Aufgabe zu erledigen haben. Sie wollen zum Beispiel zur Arbeit, zum Einkaufen oder einen Botendienst erledigen. Ab dem mittleren Stadium der Krankheit kann das rastlose Herumwandern zur Belastung werden. »Jetzt kommt er schon wieder«, heißt es dann. Menschen mit Demenz können die Orientierung verlieren und nicht mehr zurückfinden, in unwegsamem Gelände oder in der Dunkelheit stürzen oder Hindernisse übersehen.
Oft sind Menschen mit Demenz mit dem Straßenverkehr überfordert und riskieren einen Unfall. Gefährlich kann es werden, wenn sie auf die regelmäßige Einnahme von Medikamenten angewiesen sind, etwa als Diabetiker. In jedem Fall gilt: Wenn der Vermisste nicht innerhalb eines angemessenen Zeitraums gefunden werden kann, sollte die Polizei gerufen werden.
Diese Sicherheitsmaßnahmen minimieren die Risiken bei Demenz
Menschen mit Demenz sollen sich möglichst frei bewegen können. Fühlen sie sich eingeengt oder eingeschränkt, etwa durch abgeschlossene Türen oder Fenster, weckt das meistens Unruhe, manchmal Aggressionen oder Panik. Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, mit denen unruhige Menschen mit Demenz dennoch geschützt werden können:
- Einen abgesicherten Bewegungsspielraum verschaffen, mit angemessenen alltäglichen Aufgaben betrauen.
- Sie beim Gehen begleiten, auch Menschen aus dem Umfeld vorschlagen, dies zu tun.
- Vorsorglich sollten Menschen mit Demenz immer ihre Kontaktdaten und die Telefonnummer der Angehörigen oder Pflegenden bei sich tragen, etwa in Form eines SOS-Anhängers oder einer in die Kleidung eingenähten Adressetikette.
- Nachbarn oder Geschäfte in der Umgebung können vorsorglich um Aufmerksamkeit gebeten werden und eine Nummer für den Notfall erhalten. Auch bei der Polizei können entsprechende Informationen hinterlegt werden.
- Es gibt technische Vorrichtungen, die Angehörige oder Pflegende darauf aufmerksam machen, wenn der Mensch mit Demenz überraschend nach draußen will, etwa Sensormatten oder Türkontaktsysteme, die ein Signal an den Betreuenden senden.
- Der Erkrankte kann mit einem GPS-Sendegerät in Form einer Armbanduhr oder einer Halskette ausgestattet werden. Verlässt der Mensch mit Demenz einen vorher auf dem Gerät festgelegten Bereich, erhält die Betreuungsperson auf ihr Smartphone oder ihren Computer automatisch eine Meldung über seinen genauen Aufenthaltsort. Die Ortung wird in kurzen Zeitabständen wiederholt.
Hundertprozentige Sicherheit geben diese Maßnahmen nicht. Und Vorkehrungen wie Bettgitter sind problematisch: Bei stationärer Betreuung muss in jedem Einzelfall ein richterlicher Beschluss eingeholt werden. Zudem droht ein noch größeres Risiko, wenn der Betroffene das Gitter überklettern will. Natürlich haben auch Menschen mit Demenz ein Grundrecht auf persönliche Freiheit. Deshalb ist die Wahl der Mittel zur Verhinderung des Weglaufens immer ein Spagat.
Links und Literatur zum Weglaufen bei Demenz
> Hier geht’s zur Broschüre «Ich will nach Hause» der Alzheimer Gesellschaft Baden Württemberg
> allgemeine Informationen und Tipps zur Weglauftendenz
> Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil, Hanser Verlag, 2011
»Die Peer-to-Peer-Videos der demenzworld sind äußerst wertvoll. Ich verwende sie in meinem Demenz-Modul, da sie die Perspektive von Menschen mit Demenz veranschaulichen und ein differenzierteres Bild vermitteln.«
Prof. Dr. Anne Roll, Hochschule Bochum
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